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Heinrich Dührsen "ÜBER DIE ENTSTEHUNG DER HIRAMSLEGENDE"


Ramzaj
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В целях дальнейшего повышения квалификации отдельных частей масонской общественности представляю работу Генриха Дюрзена "О возникновении легенды о Хираме"

За качество приношу свои извинения, но такую копию только удалось получить, кому нужна фотокопия в пдф, пишите в личку вышлю мылом.

Heinrich Dührsen

ÜBER DIE ENTSTEHUNG DER HIRAMSLEGENDE

Es gibt eine umfangreiche freimaurerische Literatur, die sich mit Fragen der Entstehung und der Bedeutung der Hiramslegende befaßt, weil sie in der Symbolik der Johannisfreimaurerei und speziell in dem Ritual des Meistergrades eine zentrale Stellung einnimmt. Während die Bedeutung der Legende und ihr Wert für das Ritual, für das persönliche Erleben und für die aus ihm schöpfende Lebensgestaltung bei aller Vielfalt der Auffassungen unbestritten sind, ist es bis heute nicht gelun¬gen (und wird wohl auch nicht gelingen), mit einiger Sicherheit festzu¬stellen, wie, und das heißt auch wo und wann sie entstanden ist. Wir können nur immer wieder neu versuchen, einer Antwort auf diese Fragen näher zu kommen.

Die Frage nach der Entstehung der Hiramslegende ist eine rein wissenschaftliche Frage, die mit dem methodischen Rüstzeug der phi-lologisch-historischen Wissenschaften angepackt werden muß,2' denn es geht um das Verständnis von Texten, also Wörtern, Sätzen, Sinn-zusammenhängen, um das Verstehen der Tatsachen aus ihren ge-schichtlichen, zeitbedingten Verhältnissen heraus und um die richtige Einordnung in den geschichtlichen Werdegang.

Das grundlegende Werk über die Entstehung der Freimaurerei, mit der in Zusammenhang die Entstehung der Hiramslegende gesehen werden muß, ist 1948 in erster Auflage in Manchester erschienen von D. Knoop und G. R Jones: The Genesis of Freemasonry; es liegt in deutscher Übersetzung vor, 1969 bei Quatuor Coronati. Von den Ergeb¬nissen dieser verdienstvollen Arbeit muß alle weitere Forschungsarbeit ausgehen, und ich folge in meinen Ausführungen im wesentlichen den Verfassern in ihrer Auffassung von der Entstehung der spekulativen Freimaurerei, denn sie ist nicht widerlegt, nur in Einzelfragen bereichert oder weitergeführt worden. Um in die Probleme des Themas einzufüh¬ren, wird nachstehend die Ausgangsposition gegeben:

1. Die symbolische oder spekulative Freimaurerei ist aus der operati¬ven oder Werkmaurerei, aus den handwerklichen Steinmetzlogen, in Großbritannien und nicht auf dem europäischen Kontinent entstan¬den. Deshalb dürfen Besonderheiten z. B. deutscher mittelalterlicher

Bauhütten nicht auf britische übertragen werden, auch wenn manche Einrichtungen und Gebräuche hin- und hergewandert sind.

2. Entwicklung und Organisation der Maurerlogen Großbritanniens sind für England, Schottland und Irland getrennt zu betrachten. Es spricht vieles dafür, daß die Anfänge der modernen, spekulativen Freimaurerei in Schottland liegen.

3. Untrennbar von der Frage nach der Entstehung der Hiramslegende ist die nach der Zahl der Grade, die es in den Logen gab, ob nur einen, wie wohl in England, ob zwei, wie in Schottland, oder ob drei, wie erst im 18. Jahrhundert nachweisbar ist.

4. Besondere Bedeutung kommt der Frage zu, welche Rolle für die Umgestaltung der operativen Maurerei in die spekulative die sog. Angenommenen Maurer spielten und wann die Symbolik, zu der die Hiramslegende zählt, unter ihrem Einfluß entwickelt wurde,

Weil im Zusammenhang mit Fragen wie den vorliegenden Andersons Konstitutionsbuch von 1723 immer wieder herangezogen werden muß, soll es, ohne auf Einzelfragen einzugehen, in seinen vier Teilen vor¬gestellt werden, denn es besteht nicht nur aus den sog. Alten Pflichten und den Allgemeinen Anordnungen, eine Auffassung, zu welcher der Sonderdruck des Bauhütten Verlages von 1969 leicht verführt, sondern es umfaßt vier Teile, z.T. mit Anhängen und Nachträgen, und zwar

1. die Geschichte der Maurerei (History), beginnend mit dem biblischen Urvater Adam und endend mit dem Großmeister des Maurerjahres 1721/22, dem Herzog von

2. die Pflichten eines Freimaurers (Charges);

3. die Allgemeinen Anordnungen (Regulations), die Ordnung oder Satzung der Großloge;

4. vier freimaurerische Lieder (Songs), und zwar des Meisters, des Aufsehers, des Gesellen und des Lehrlings. Die beiden ersten bieten einen Abriß der Geschichte in Versen.

Oer erste Teil, die Geschichte, aus der für unser Thema wiederholt zitiert wird, stellt sich zwar als eine fabulierende, ungeschichtliche Geschichte dar, hat aber gleichwohl ihren durchaus eigenständigen Wert, den Knoop und Jones als Richtschnur für ihre Benutzung treffend mit den Worten formulieren: "Phantasieprodukte an Stelle von Tat¬sachen sind natürlich wertlos; aber als Führer zu den Fakten kann die Erfindungskraft unschätzbaren Wert haben."31 Damit ist die Aufgabe gestellt, mit der eigenen Erfindungskraft der Erfindungskraft Andersons nachzuspüren.

Anderson hat bei der Abfassung des Konstitutionsbuches ältere Bücher operativer Logen verglichen und benutzt. Im Laufe der Zeit sind viele solcher, handschriftlich geschriebener Konstitutionsbücher in Großbritannien aufgefunden und wissenschaftlich ausgewertet worden, von denen das älteste, das sog. Regius-Manuskript, in das Jahr 1390 datiert wird. Durch Vergleich dieser Konstititionsböcheraus der Zeit von 1390 bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts, etwa bis 1750, lassen sich in England, Schottland und Irland gewisse Veränderungen in Brauchtum, Ritual und Esoterik beobachten. Bei den letztgenannten Ausdrücken dürfen wir nicht an das denken, was heute unter freimaurerischem Ritual und unter freimaurerischer Esoterik verstanden wird, sondern im Wortsinn sind einfache Zeremonien gemeint - ritus (lateinisch) bedeutet soviel wie "(heiliger) Brauch, Sitte" - und als esoterisch (aus dem Griechischen soviel wie "nach innen gerichtet, intern") galten wohl ursprünglich nur das Maurerwort, die Erkennungszeichen und die Fünf Punkte der Genossenschaft, aber weder Symbole noch symbolische Handlungen oder erklärende Legenden.

Wie in Andersons Konstitutionen von 17234! so finden sich auch in den Konstitutionen der Werklogen Hinweise darauf, daß sie bei der Aufnahme eines neuen Handwerksgenossen vorzulesen waren, und es läßt sich aus ihnen eine Aufnahmezeremonie folgender Art - ein "Aufnahmeritual" in Anführungsstrichen - rekonstruieren:

1. Einführung des Lehrlings nach Beendigung der Lehrzeit durch seinen Bürgen in die Loge;

2. Gebet mit Anrufung Gottes in der Form der Trinität;

3. Vorlesen der Geschichte der Maurerei;

4. Ermahnung aller, die anschließend vorgelesenen Pflichten zu halten;

5. töriesen der Pflichten;

6. Gelöbnis des Aufgenommenen, die Pflichten zu achten und Ver¬schwiegenheit zu wahren;

7. Mitteilung von Maurerwort, Erkennungszeichen und der fünf Punkte der Genossenschaft;

8. Schlußgebet.

Dieser Zeremonie läßt sich zunächst folgendes entnehmen: Gott wurde in der Form der Trinität angerufen. Daraus ergibt sich unbestreitbar, daß die Logen auf dem Boden der Kirchenlehre - katho¬lisch oder nach der Reformation protestantisch - standen, daß in ihnen

demnach nicht geheime, ketzerische oder heidnische Bräuche oder Lehren überliefert wurden. Fernerzeigtsich, daßfürdie Aufnahmezere-monie, die "Lohnarbeit", von den Konstitutionen nur zwei Abschnitte von Bedeutung waren, die Geschichte und die Pflichten.

Es bleibt die Frage zu klären, welche Bedeutung oder welche Punktion die esoterischen Elemente der Aufnahmezeremonie innerhalb der Logenorganisation hatten.

Die Steinmetzen waren in Schottland in Logen (lodges) organisiert, in England in Kompanien (companiesj, nicht wie andere Handwerker in Zünften. Die Lehrlinge gehörten nicht zur Loge; sie hatten einen Lehr¬vertrag mit ihrem Lehrmeister, einem Gesellen oder Meister, denn bis ins 17. Jahrhundert hinein gab es keinen Unterschied zwischen Gesellen und Meistern, sie heißen mal fellow, mal mästet Fellow wird ins Deut¬sche übersetzt mit "Geselle, Genosse, Meister". Das Amt eines Leiters der Loge, für das sich fellows und masters bewerben konnten, hatte der "Meister der Loge" inne; er mußte Freibürger einer Stadt sein, und er unterstand städtischer, kirchlicher oder königlicher Aufsicht, je nach¬dem wer Bauherr war.

In Schottland entwickelten sich zwei Besonderheiten, die es in Eng¬land nicht gab, die sog. Territoriallogen und den Eingetragenen Lehrling. Die Territoriallogen oder Distriktslogen entstanden schon im 16. Jahr¬hundert, an ihrer Spitze stand nicht ein Territorialmeister, sondern eine Loge hatte die Führungsrolle inne und übte ein gewisses Aufsichtsrecht über die anderen Logen des Territoriums aus. Diese Organisation diente dem Zweck, in Logen organisierte Maurer aus Konkurrenzgrün¬den von nicht-organisierten unterscheiden zu können, denn wer sich um Arbeit an einem Bau bewarb, ob organisiert oder nichtorganisiert, mußte eine Probe seines Könnens ablegen. Weil aber die in Logen organisierten Maurer bestimmte Privilegien genossen, besonders sozialer Art in Form der Arbeitsverträge, brauchte man; um sie erken¬nen zu können, Erkennungszeichen und eine Organisation, die diese Erkennungszeichen einheitlich regelte und überwachte. Das leistete die Terntonailoge. Infolge des regen Grenzverkehrs griff dieses Verfah¬ren auf die angrenzenden, nördlichen englischen Grafschaften über.

Innerhalb der schottischen Territoriallogen entwickelte sich die sonst nicht nachweisbare Einrichtung des "eingetragenen Lehrlings", des "entered apprentice". In der Regel wurde ein Lehrling nach siebenjähri¬ger Lehrzeit (die Zeiten wurden nicht immer eingehalten) als Hand-werksgenosse, als fellow, in die Loge aufgenommen, aber seit Beginn des 16. Jahrhunderts wurde er nicht Handwerksgenosse, sondern er blieb für weitere sieben Jahre (oft weniger) eingetragener Lehrling mit eingeschränkten Rechten an der Logenleitung. Mit diesem neuen "Grad" entstand ein neues, nunmehr logeninter¬nes Problem der Konkurrenz, denn jetzt galt es nicht nur, die eingetra¬genen Lehrlinge und Handwerksgenossen, die organisierten Maurer, von nichtorganisierten zu unterscheiden, sondern auch die Handwerks¬genossen gegen die Konkurrenz der eingetragenen Lehrlinge zu schüt¬zen, denn bei den aus sozialen, nicht fachlichen Gründen langen Lehr¬zeiten bestand hinsichtlich des Könnens zwischen einem eingetrage¬nen Lehrling und einem Handwerksgenossen kein Unterschied, u.U. war der Lehrling sogar besser.

Um sich gegen die Konkurrenz von außen und von innen zu schüt¬zen, kamen zur Unterscheidung verschiedene Paßworte (von englisch to pass) in Gebrauch. Seit etwa 1550/60 wurden ziemlich einheitlich für die Lehrlinge die Paßworte Jakin und Boas benutzt, für die Handwerks¬genossen matchpin oder mahabyn o. ä., aus denen man schon unser Meisterwort heraushört. Diese Paßworte wurden mit Prüfungsfragen abverlangt, woraus unser Katechismus entstanden ist.

Dieses "esoterische", geheimgehaltene Wissen um die Erkennungs¬zeichen hatte also eine Schutzfunktion, nämlich durch ihre Kenntnis den Wissenden gegen die Konkurrenz von außen und innen, gegen die Konkurrenz der Nichtwissenden zu schützen. Bis auf den heutigen Tag üben die freimaurerischen Erkennungszeichen für die Eingeweihten eine solche, allerdings spekulativ interpretierte Schutzfunktion aus.

Bei ihrer Aufnahme in die Loge wurden den Handwerksgenossen, sehr wahrscheinlich aber auch den eingetragenen Lehrlingen, seit es sie gab, mit dem Paßwort auch die "Fünf Punkte der Genossenschaft" mitgeteilt, ohne daß sie erklärt wurden. Dies wird verständlich, wenn man sich der kürzlich vertretenen Auffassung anschließt, die fünf Punkte hätten in den operativen Logen eine knappe Unterweisung in erster Hilfe enthalten, sie seien gelehrt und eingeübt worden, um Unfall¬verletzte sach- und fachgerecht aufheben oder an ihnen Wiederbele¬bungsversuche vornehmen zu können51 So gesehen, bedurften sie, wie auch die Erkennungszeichen, keiner weiteren Erklärung, die in ein Ritual gekleidet war; sie wurden nicht mit dem Aufheben, der Erhebung eines Meisters mit Namen Hiram Abif in Verbindung gebracht oder erklärt: Es gab bis ins 17. Jahrhundert hinein keine Rituale und keine Hiramslegende, und sie war auch gar nicht nötig, denn bei der Art, wie die operativen Logen "arbeiteten", war für sie gar kein Raum vorhan¬den61.

Wenn wir davon ausgehen, daß mit der Gründung der Großloge von London im Jahre 1717 nicht etwas völlig Neues geschaffen wurde, sondern daß eine langjährige Entwicklung von Neuerungen zu einem vorläufigen Abschluß gebracht und damit anerkannt wurde7*, dann müssen die Neuerungen oder Veränderungen, die zu der Umwandlung der operativen Maurerei in die spekulative geführt haben, im Laufe des 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eingeführt worden sein, und nach Lage der Dinge gehört die Hiramslegende dazu8!

Die älteste Fassung der Hiramslegende, die uns bekannt geworden ist, liegt in Prichardssog, Verräterschrift "Masonry Dissected" aus dem Jahre 1730 vor. Da Anderson in dem Konstitutionenbuch von 1723 die Legende expressis verbis nicht erwähnt, wird allgemein angenommen, sie sei - zumindest in der endgültigen Fassung - zwischen 1723 und 1730 entstanden oder erfunden worden, und zwar in Verbindung mit dem neu eingeführten, spekulativen Meistergrad. Diese Hypothese ist bei der gegebenen Quellenlage durchaus annehmbar und auch nicht zu widerlegen, aberdoch lassen einige Ausdrücke in Andersons "History" vermuten oder gardarauf schließen, daß Hiram Abif schon 1723 ineiner Art Doppelfunktion gesehen wurde. In dem biblischen Bericht über den salomonischen Tempelbau9' ist Hiram Abif ohne jeden Zweifel nicht Tempelbaumeister, sondern als Meisterin Metallarbeiten aller Artfürdie Innenausstattung des Tempels verantwortlich; mit einem modernen Begriff könnte man ihn einen Innenarchitekten nennen, aber auf keinen Fall Baumeister oder Architekt im allgemeinen Sprachgebrauch. In seiner Schilderung des Tempelbaues'01, der er den biblischen Bericht zugrunde legt, schreibt Anderson: "But above all, he sent his Namesake Hiram, or Huram, the most accomplish'd Mason upon Earth." Nach Beendigung der Arbeiten weiß er zu berichten, daß die ganze Welt die Israeliten nicht an Weisheit und Können in Architektur erreichte, "when the wise King Solomon was Grand Master of the Lodge at Jerusalem, and the leamed King Hiram was Grand Master of the Lodge at Tyre, and the inspired Hiram Abif was Master of Work...", und abschließend, daß nach der Fertigstellung des Tempels die Maurerei bei allen benachbarten Völkern verfeinert wurde; "for the many Artists employ'd about it, under Hiram Abif, after it was finish'd, dispersa themselves intoSyria, Mesopotamia,.. Daß Hiram Abif in diesem Bericht als Maurer angesprochen wird, ist nicht verwunderlich, wenn wir bedenken, daß Anderson alle Handwerker und Künstler, die mit Geometrie zu tun haben, und auch die Bauherren zu Maurern macht - sicherlich ein Hinweis auf die "Angenommenen Maurer" -, aber wenn er ihn den "vollkommensten Maurer auf Erden" nennt, dann hebt er ihn aus der Masse aller übrigen Maurer heraus, er sieht in ihm schon etwas Besonderes. Demgegenüber muß der Master of Work nicht unbedingt "Meister des Baues", wie Ebel übersetzt11', im Sinne von Baumeister sein, sondern kann als Meister für seinen Auf¬gabenbereich verstanden werden. Und auch, daß viele Künstler unter ihm arbeiteten, läßt offen, welche Stellung er innerhalb des gesamten Bauvorhabens einnahm.

Bemerkenswert ist nun, daß Anderson sich in einer langen Anmer¬kung mit der Person Hiram Abifs auseinandersetzt121 und hier von ihm sagt, "that Hiram, King of Tyre, sent to King Solomon his Namesake Hiram Abif, the Prince of Architects,...", und gegen Ende seiner Aus¬führungen: "This divinely inspired Workman maintain'd this character in erecting the Temple, and in working the Utensils thereof,..." Die Aus¬drücke "Prince of Architects" (Fürst oder Erster der Architekten oder Baumeister) und "in erecting the Temple" (bei der Errichtung des Tempels) können, ohne dem Text Gewalt anzutun, so verstanden werden, daß Hiram Abif neben der Herstellung der erforderlichen Gebrauchsgegenstände auch als Baumeister tätig war, also in einer Doppelfunktion gesehen wurde, und wenn wir mit Knoop und Jones eine lange Entwicklung von der operativen über die angenommene zur spekulativen Maurerei annehmen, dann ist es durchaus möglich und sogar sehr wahrscheinlich, daß Hiram Abif schon vor 1723 als Salomos Tempelbaumeister - ob mit oder ohne Legende, bleibe dahingestellt -angesehen wurde.

Unbestritten ist, daß er von den Freimaurern von einem "Meister in Erz" in einen Tempelbaumeisteri umfunktioniert wurde, um einmal die¬sen modernen Ausdruck zu gebrauchen, und dafür liefert Lobkowicz'3' eine überzeugende Erklärung: "Die Stellung, welche er in den Legenden und im Gebrauchtum der Freimaurerei einnimmt, verdankt er nicht irgendeiner Verbindung, die er mit der Baukunst unterhielt und worüber in der biblischen Erzählung nicht die leiseste Andeutung zu finden ist, sondern, gleich wie Tubal Cain, seinem Geschick, die Macht des Feu¬ers unter seine Gewalt zu bringen und sie zur Herstellung von Arbeiten aus Metall zu benutzen. Die hohe Ehre, welche ihm erwiesen wurde, ist das Ergebnis des Einflusses der im Mittelalter weit verbreiteten Legende vom Schmied, und die Meinung, daß von allen Handwerken die Schmiedekunst die bedeutendste war, wurde unwissentlich von den tonen beibehalten, als sie in ihrer Tempellegende den kunstgewand¬ten Schmied von Tyros zur höchsten Stelle eines Baumeisters erho¬ben."

Lobkowicz stellt die Legende in die kulturgeschichtliche Entwicklung der Menschheit hinein, denn seit die Menschen mit Beginn der Bronze¬zeit, seit etwa 2000 v. Chr. Geburt, gelernt hatten, Metall zu verarbeiten (zunächst Kupfer und Zinn zu Bronze), galten die Menschen, die diese Kunst beherrschten, als besonders begabt und befähigt und genossen deshalb hohes Ansehen. Vor diesem Hintergrund müssen die Sage von Wieland dem Schmied und die biblischen Berichte über die Kunstfertig¬keit des Hiram Abif und anderer Metailverarbeiter gesehen werden. Der oben zitierte Gedanke ist nun, daß die spekulativen Freimaurer, als sie für ihre Baulegende einen verantwortlichen Baumeister, einen Architek-ten, brauchten, auf den rational nicht erklärbaren Gedanken kamen, den berühmten Meister in Metallarbeiten zum Baumeister des Tempels zu machen. Diese Übertragung lag vielleicht deshalb nahe, weil die biblischen Berichte keinen Baumeister namentlich nennen.

Wenn wir das uns vorliegende Material, das in jahrelanger For¬schungsarbeit gewonnen wurde, daraufhin durchforsten, wer als Urhe¬ber für die Hiramslegende in Frage kommt, bleibt nur die eine Möglich-keit, ihn oder sie in den Reihen der Angenommenen Maurer zu suchen, ohne eine Person namentlich festmachen zu können, was, wenn auch mit zweifelhaftem Erfolg, versucht wurde'4!

Es wird oft behauptet, mit der Reformation seien den Bauhütten Aufträge verloren gegangen und sie hätten den damit einhergehenden Mitgliederschwund durch Aufnahme von Nichthandwerkem ausgegli¬chen. Da dies, wenn es überhaupt der Fall war, für Großbritannien nicht zutrifft, widersprechen englische Historiker dieser These des Niedergangs der Bauhütten mit handfesten Beweisen dafür, daß es an Aufträgen nicht mangelte, daß aber die Auftraggeber, alsodie Bauherren, gewechselt hätten: So waren die englische und die schottische Krone, die Städte und der Adelgute Auftraggeber, wofürdie zahlreichen Castles den Beweis liefern, die in nachreformatorischerZeit in Großbritannien gebaut wurden. Das Schwergewicht der Bautätigkeit verlagerte sich von Sakralbauten zu Profanbauten, ganz im Zuge der Zeit, die seit der Renaissance in Europa von zunehmender Diesseitigkeit bestimmt wurde151.

Wenn man nun trotz der regen Bautätigkeit in Schottland und England Nichthandwerker in die Logen und "companies" aufnahm, stellt sich die Frage, warum man das tat oder was diese Männer in den Logen such¬ten. So merkwürdig es klingen mag, sie suchten nichts Besonderes und schon gar nicht irgendwelche esoterischen Geheimnisse, sondern diese nicht-operativen Maurer, wie man korrekt sagen sollte, die aus sozial höheren Schichten stammten und in Schottland Gentlemen-Masons, in England, speziell London Accepted Masons genannt wurden, führte größtenteils ihre Liebe zur Baukunst in die Logen, nur wenige suchten Geselligkeit oder Erbauung, Auf Grund ihrer sozialen Stellung gehörten sie zu den Gebildeten, die Bildungsreisen durch Europa und vor allem nach Italien machten, um dort an Ort und Stelle die "modernen" Bauten im Renaissance-Stil und deren antike Vorbilder zu studieren. Viele von ihnen entwarfen auf Grund ihrer Studien selbst Pläne für Bauten in England und Schottland, ohne handwerklich ausgebildet zu sein. In diesem Wandel, der in Italien schon im 15. Jahrhundert einsetzt, erfassen wir das Entstehen des modernen Berufs des Architekten, der nicht wie der Baumeister aus der Praxis, sondern von der Theorie her kommt.

Solche Männer, mit ihrem Hobby, wie wir heute sagen, Berufsver¬wandte der Maurer, traten seit dem 17. Jahrhundert in die Logen ein und wandelten sie in einem langdauernden Prozeß, der im Gründungs¬jahr der Großloge von London (1717) noch nicht abgeschlossen war, von operativen in spekulative Logen um. Dieser Umwandlungsprozeß ist wahrscheinlich dadurch gefördert worden, daß eigene Logen für Angenommene Maurer gegründet wurden und es dann häufige Dop¬pelmitgliedschaft in Logen der Werkmaurer und der Angenommenen Maurer auch für Handwerker gab, so wie heute ein Handwerker Mitglied einer Freimaurerloge sein kann.

Als entscheidende Neuerung erwies sich die Schaffung oder Erfindung eines nicht mehr aus der Werkmaurerei entwickelten dritten Grades, des spekulativen Meistergrades, nachdem die Angenommenen Maurer schon Ende des 17. Jahrhunderts nach schottischem Vorbild zwei Grade eingeführt hatten. Durch diesen neuen Grad wurde der bisherige Grad des fellow, des Handwerksgenossen oder Meisters, abgewertet, was sich noch heute in der Symbolik unseres zweiten Grades auswirkt: Die beiden Grade des Lehrlings und des Gesellen arbeiten mit den Symbolen aus der Werkmaurerei, die auch von uns als Werkzeuge des unmittelbar Tätigen gehandhabt werden, während die Symbolik der Hiramslegende des dritten Grades im Angesicht des Todes auf die leitende Tätigkeit geistiger Arbeit hinweist.

Diese symbolische Besonderheit des neuen Meistergrades mag der Grund dafür gewesen sein, daß einerseits wegen des Reizes des Neuen eigene Meisterlogen gegründet wurden, andererseits aber viele Logenmitglieder dem neuen Grad gegenüber große Zurückhaltung übten. Erst in der Neuauflage der Andersonschen Konstitutionen von

1738 erscheint der Meistergrad als feststehende Einrichtung der Logen mit den drei Graden des Lehrlings, Gesellen und Meisters16! Unsere Untersuchung führt zu dem Ergebnis, daßdie Hiramslegende in der Form, wie sie uns heute vorliegt, erst im 18. Jahrhundert entstan¬den ist, wahrscheinlich erst nach 1717 oder 1723. In ihr sind aber, wie literaturwissenschaftttche Studien zeigen, afte Bestandteile verarbeitet, die ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten. Auf drei solcher Bestandteile soll im folgenden eingegangen werden: Zum ersten steckt in der Hiramslegende eine Bausage, zum zweiten eine Auferstehungs¬oder Wiederbelebungssage und zum dritten ist die Handlung nach dem Muster antiker Mysterienreligionen aufgebaut, aber inhaltlich ins Dies¬seitige umgedeutet.

Bamge: Bei der Grundsteinlegung öffentlicher Bauten wie auch von Logenhäusern werden in feierlicher Form Erinnerungsgegen¬stände in den Grundstein eingemauert. In diesem Brauch lebt der Gedanke an ein Bauopfer weiter, das dargebracht werden muß, damit der Bau Bestand hat, in vorgeschichtlicher Zeit wohl ein Menschen¬opfer, später ein Tieropfer oder andere Weihegaben. So schildert Theo¬dor Storni in seiner Novelle "Der Schimmelreiter" wie der aufgeklärte Deichgraf Hauke Haien, der sich über den Volksglauben hinwegsetzen zu können glaubt, schließlich sich selbst für die anderen opfert, als der Deich bricht. Ein solcher Opfertod ist auch Hirams Tod, aber er ist im Sinne der Ethik des 18. Jahrhunderts als Tod in der Erfüllung seiner Pflicht umgedeutet worden'7'.

Auch der Bau, der errichtet wird, verdient eine Würdigung, weil er mit der Frage nach der Entstehung der Hiramslegende in engem Zusam¬menhang steht. Der salomonische Tempel, um 960 v. Chr. Geburt in Jerusalem errichtet, galt schon den Juden vor seiner Zerstörung und vor ihrem Exil in ßabylonien (586 - 538 v. Chr. Geburt) als sichtbarer Ausdruck der göttlichen Weltordnung'81, und diese symbolische Bedeu¬tung einer vollkommenen, harmonischen Weltordnung hat der Tempel neben derdes Menschheitsbaues auch heute noch für uns Freimaurer.

Seit durch die Kreuzzüge, im Hoch- und Spätmittelalter, viele Euro¬päer in Palästina und Jerusalem gewesen waren, versuchten Gelehrte, den Tempel nach Angaben der Bibel zu beschreiben und im Modell nachzubauen. Es gab und gibt mehrere solcher Beschreibungen und Modelle, von denen das Modell, das im Museum für Hamburgische Geschichte steht, besonders erwähnt werden soll. Es wurde zwischen 1680 und 1692 im Auftrag des Hamburger Juristen und spateren Rats¬herrn Gerhard Schott gebaut, stand von 1710 bis 1732, der Entste¬hungszeit der spekulativen Freimaurerei, in London und kam über

Dresden im Jahre 1910 wieder nach Hamburg. Interessant an dem Hamburger Modell ist, daß es nach den von der Renaissance wieder¬entdeckten Architekturtheorien des Vitruvius gestaltet ist, der zur Zeit des Kaisers Augustus in Rom lebte, nicht nach biblischen oder anderen historischen Quellen. Es ist verständlich, daß man sich den Bau, der als Ausdruck der göttlichen Ordnung vollkommen in Grundriß und Aufriß und vollkommen in seinen Proportionen gewesen sein mußte, in dem Stil gebaut vorstellte, der zu der Zeit als der vollkommenste galt, im Stil der Renaissance. Und es ist auch verständlich, daß in einer Zeit, der es darum ging, den Menschen zu vervollkommnen, Angenommene Maurer die Menschen in diesen Tempelbau einbezogen und den Bau des Tem¬pels auf den Bau der Menschheit als einer vollkommenen (bürger¬lichen) Gesellschaft übertrugen.

Auferstehung und Wiederbelebung: In der christlichen Glaubens¬lehre folgt auf Christi Opfertod seine Auferstehung. Die Sehnsucht des Menschen, unsterblich zu sein oder wiedergeboren zu werden, ist so alt, wie es Menschen im eigentlichen Sinne gibt. Uralt ist auch der Glaube, daß ein sittlich anständiges Leben im Diesseits ein Weiter¬leben nach dem Tode in einem unbekannten Jenseits zumindest mög¬lich macht, während ein schlechter Lebenswandel eine solche Möglich¬keit fragwürdig macht. Für das Zeitalter der Aufklärung sind die beiden Vorstellungen charakteristisch, daß der Sinn des Lebens in Pflichterfül¬lung besteht und daß der Tod ein Wandel von einem Zustand in einen anderen ist. Diese Vorstellung von einem Wandel hängt mit dem Auf¬kommen der modernen Naturwissenschaften zusammen - Physik und Alchimie (später Chemie), durch die man lernte, Stoffe umzuwandeln: Durch die Erhebung nach seinem symbolischen Tod steht in dem Br. Meister ein verwandelter Mensch vor uns.

Wenn wir das, was in der Hiramslegende während der Meistererhe¬bung geschieht, genau betrachten, dann stellt die Erhebungszeremonie eher eine Wiederbelebung als eine Auferstehung dar, denn Auferstehung geschieht kraft göttlicher Allmacht, Wiederbelebung aber ist kundigen Menschen möglich, und alle bei der Erhebung Handelnden sind Men-schen. Unter diesem Aspekt gewinnt die oben erwähnte Auffassung eine weitere Stütze, daß die "fünf Punkte der Meisterschaft" in den Werklogen ein Unterricht in erster Hilfe gewesen seien, und darüber hinaus läßt sie die Diesseitsgerichtetheit unseres freimaurerischen Tuns erkennen. Jedoch ist die Vermutung, in unserer Erhebungszere¬monie steckten nekromantische Praktiken, nicht grundsätzlich zu verwerfen, denn bei der Umdeutung aller operativen Werkzeuge und

Tätigkeiten in Symbole und Symbolhandlungen für geistige Tätigkeit und s^ks Verhalten lag es nahe, die fünf Punkte mit der sog. Nekro-mantie in Verbindung zu bringen. Das Wort Nekromantie kommt aus dem Griechischen und bedeutet etwa "Weissagung aus einem Toten oder mit Hilfe eines Toten", wobei man versuchte, durch Magie von einem Toten noch ein Geheimnis zu erfahren. Eine so^tk nekromanti-sehe Geschichte zur Erklärung der fünf Punkte ist uns in dem 1936 aufgefundenen Graham-Manuskript'91, aus der Zeit um 1700 herum stammend, über Noah überliefert:

Noah hatte alles, was die neue Welt nach der Sintflut brauchte, in seiner Arche gehabt. Nach seinem Tode glaubten seine drei Söhne, bei ihm noch ein Geheimnis finden zu können, gruben ihn aus, fanden aber außer dem Leichnam nichts. Dann wird fast genau unsere Erhebungs¬zeremonie geschildert, wie Haut und Fleisch sich vom Knochen lösen

und wie sie den toten Leib mit den fünf Punkten aufheben, aber ohne Erfolg. Für das nicht gefundene Geheimnis nehmen sie ein Ersatz¬geheimnis, so wie in der Hiramslegende das zuerst gesprochene Wort das neue Maurerwort sein soll, das ja auch für das verloren gegangene, nicht wiedergefundene als Ersatz angenommen wird.

Es ist durchaus denkbar, daß in Logen der Angenommenen Maurer die Geschichte von Noah als auch eine Vorform der Geschichte von Hiram erzählt wurde, um die fünf Punkte und das (neue) Maurer¬wort zu erklären, daß aber mit der Übernahme des aufklärerisch-erzie¬herischen Elementes die Hiramslegende den Vorzug erhiett, weil sie für diesen Zweck geeigneter war: Noah hatte zwar die Arche gebaut, aber sonst mit Architektur nichts zu tun, Hiram dagegen konnte ohne große Mühe wegen seiner besonderen Fähigkeiten und seiner Mitarbeit am Tempelbau zum Baumeister gemacht werden, und es war nicht schwer, ihn in dieser Eigenschaft als Vorbild pflichttreuen Handelns sterben und Wiederaufleben zu lassen.

Mysterien: Das Suchen nach einem Geheimnis und die damit ver¬bundene Wiederbelebung oder Auferstehung eines Toten führen uns fast zwangsläufig zu den antiken, besonders den griechischen Myste¬rien. Hkn Mysterienkulten, die durchaus unterschiedlich waren, waren zwei Momente gemeinsam: Sie verlangten das Suchen nach etwas, und sie versprachen den Eingeweihten als Lohn für ihr Suchen ewiges Leben. Im Mittelpunkt der Kulthandlung stand das Schicksal einerGott-heit, eines (M^ oder einer Göttin, und dieses Schicksal wurde in der Heiligen Geschichte, dem hierös lögos, mM und dramatisch vor-oder aufgeführt, wie Hierams Schicksal in der Meistererhebung. In und mit diesem Schicksal der Gottheit erlebte und erlitt der Eingeweihte, der Myste, sein eigenes Schicksal.

In den Eleusinischen Mysterien z.B., soviel wissen wir immerhin, suchte die Göttin Demeter ihre loc\i& Persephone, die von Hades in die Unterwelt, also vom Tod, geraubt worden war. Mit Hilfe der Göttin Hekate, der Verwandlungskünstlerin, fand sie ihre Tochter und befreite sie. In ihrem Rechtsstreit mit Hades, der auf seinem Recht bestand, entschied Zeus, daß Persephone ein Drittel des Jahres auf der Ober¬welt und zwei Drittel in der Unterwelt weilen sok.

Es handelt sich hier um einen Vegetations- und Fruchtbarkeitskult, Demeter (= Erdmutter) ist eine Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin, die die Menschen den Getreideanbau gelehrt hat. Manche Hinweise sprechen dafür, daß das Schicksal der Persephone in verschiedenen Stadien der Einweihung verschieden gedeutet wurde, wie wir es auch in der Frei¬maurerei kennen, z.B. die Deutung der handwerklichen Symbole im ersten Grad und ihre neue Deutung im zweiten. Persephones Abstieg in die Mm^ ynMmti den Herbst, in dem alle Vegetation, alles Leben abstirbt, ihr auf die Oberwelt den Frühling, in dem alle Vegetation, alles Leben neu beginnt: Sie und der Myste erlebten ihre Wiedergeburt.

Es muß an dieser Stelle ausgesprochen werden, daß unsere Kenntnis von den antiken Mysterien nur sehr bruchstückhaft ist, denn zum einen haben die Mysten geschwiegen, sie haben Arkandisziplin gewahrt, weshalb wir zur Rekonstruktion der Mysterien auf Erwähnungen, Andeutungen und Anspielungen bei anderen Schriftstellern angewiesen sind, zum anderen hat das Christentum, das seinem Charakter nach intolerant ist, mit seinem Sieg über das Heidentum auch die Mysterien¬kulte vernichtet. Weiter muß klargestellt werden, daß es keine durch¬gehende Tradition der Mysterien von der Antike bis zur Freimaurerei, keine geheimen, unterirdischen Rinnsale oder Kanälegibt, indenenein Geheimwissen tradiert worden sei. Diese geheimen Überlieferungen, die in den Bauhütten, im Templerorden oder mtm tradiert worden sein sollen, dem Wunschdenken vieler Freimaurer, die -hier in der Tradition der Geheimbünde - den \j^p^ ihres Bundes in den Anfängen der Menschheit sehen möchten.

Dieses Wunschdenken entbehrt jeder wissensenaichen Grundlage. In der Zeit der Renaissance und des Humanismus aber beschäftigte man sich wieder mit der Antike20', mit der antiken Baukunst und mit der antiken, heidnischen Literatur, soweit sie noch, vor allem in Klöstern, in Byzanz und im arabischen Raum, auffindbar war, und man lernte auch die heidnischen Religionen und deren Kulte, also auch die Mysterien, wiederkennen.

Dieses wiederentdeckte Wissen verwendeten die Angenommenen Maurer für ihre Spekulationen und vermengten es mit mittelalterlichen Überlieferungen, als sie daran gingen, vom Baugedanken ausgehend eine Form zu finden, welche geistige Vertiefung und siehe Verede¬lung des Menschen, das pädagogische Ziel der Aufklärung, auf breiter Basis möglich machte. Sie brauchten einen Baumeister als ideales Vorbild, in dem der Freimaurer sich wiedererkannte, und sie fanden ihn in Hiram, dem ursprünglichen Meisterin Metallarbeiten, und sie wählten eine dreistufige Mysterienform mit den handwerklichen Graden des Lehrlings, Gesellen und Meisters, um ihr Erziehungsziel zu verwirk¬lichen, aber sie wählten nur die Form, die sie mit einem anderen, dies¬seitsbezogenen Inhalt füllten, denn Hiram ist nicht Gott, sondern Mensch.

Um das, was diese inhaltliche Änderung für die Freimaurerei bedeutet, zu klären, zitiere ich abschließend aus dem Freimaurerlexikon von Lennhoff-Posner den einschlägigen Artikel21! weil ich selbst es nicht so klar und deutlich auszudrücken vermöchte:

"Mpemfom in der Freimaurerei. Die Freimaurerei ist ein Myste¬rienbund, nach August Homeffer ("Symbolik der Mysterienbünde") "der einzig echte, der in der Gegenwart noch lebendig ist". Dazu machen sie: ihr Initiationskuft, des Suchenden symbolisches Wandern von Stufe zu Stufe (vergl. "Zauberflöte"), die Verbrüderungsidee, das Sehnen nach dem Licht, der Glaube an den Tod als andere, höhere Form des Lebens, das trostreiche Bekenntnis zur geistigen Auferstehung im Sinne des Goethewortes:

Und solang du das nicht hast, Dieses Stirb und Werde, Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde.

Was die Freimaurerei vor den Kultverbänden der alten Zeit aber auszeichnet, ist ihr Inhalt: das Humanitätsideal. Sie ist nicht, was man¬che aus ihr machen möchten: ein Sanktuarium von Gralsrittern. König¬liche Kunst ist nicht an sich mystisch, sie besitzt keinen Schlüssel zu den Welträtseln, sie baut mit irdischem Material, mit den lebendigen Menschen. Die Freimaurerei will keineswegs Offenbarung, Erlösung und Unsterblichkeit vermitteln, wie dies einst das Ziel der Mysterien¬bünde war, nicht magisch und mystisch wirken, sondern rein psycholo¬gisch. Sie gibt nicht vor, im Besitze geheimer Wissenschaften zu sein.

An Stelle der Offenbarung von Geheimnissen setzt sie die Selbst¬erkenntnis, an Stelle der mystischen Vergewisserung der Unsterblich¬keit die Pflichterfüllung bis zum Tode; dem Erlösungsgedanken gibt sie eine ethisch-humanitäre Deutung. Die Erlösung wird nicht im Übersinn¬lichen, Jenseitigen gesucht, sondern in derBejahung des Schicksals, in der Betätigung des freien, seiner Verantwortung bewußten Willens. Sie will ihren Jüngern nicht Unsterblichkeit zuteil werden lassen, bringt bloß eine Hoffnung der Menschheit symbolisch zum Ausdruck. (Vergl. Schenkel: "Die Freimaurerei im Lichte der Religions- und Kirchen-geschichte")

Somit dient die Mysterienform - wenn von den mehr äußerlichen Kennzeichen und Ähnlichkeiten mit den verschiedenen antiken Myste¬rienbünden abgesehen wird - ausschließlich dem "inneren Erleben", einer für das Diesseits bestimmten Weihe, die den Neophyten von der Welt trennt, um ihn nach erfolgter seelischer Steigerung dieser wieder zurückzugeben. Diese Feststellung ist um so notwendiger, als auch in Freimaurerkreisen hier und dort die Neigung besteht, die Idee des Werkbundes auf Kosten einer rein auf das Ich bezogenen mystischen Esoterik zu vernachlässigen."

Anmerkungen:

11 Diese Abhandlung ist die überarbeitete Fassung eines Vortrages, der im Jahre 1965 vor dem Meisterkreis der Loge "Absalom zu den drei' Nesseln" (Nr. 1) i, 0. Hamburg gehalten wurde. Die Form des Vortrags ist weitgehend beibehalten worden und auch die Zielsetzung, über den Stand der Forschung mit Ausblicken auf mögliche weitere Forschungsansätze zu informieren.

21 Probleme der Historiographie sollen hier nicht erörtert werden, vergl. hierzu die unter A aufgeführte Literatur.

31 Knoop-Jones (Lit.Verz. Nr. 16) S.3.

41 Siehe Konstitutionen (Lit. Verz. Nr 6) S. 1 ("zu verlesen bei der Aufnahme eines neuen Bruders...") und S. 74 ("Und wir ordnen an, daß sie in jeder einzelnen Loge unter unserer Oberaufsicht als die Einzigen Konstitutionen der Freien und Angenom¬menen Maurer unter uns aufbewahrt werden, um verlesen zu werden bei der Aufnahme eines neuen Bruders oder v№nn es der Meister für passend hält."}

51 Grata) (Lil. Verz. Nr. 9) referiert über einen im Jahrbuch 1982 der Gro8(oge von Schottland erschienenen Bericht des Br. Harry Carr. dem wir die hier vorgetragene plausible Erklärung verdanken.

(| Pauls (üt. Verz. Nr. 25), dessen Abhandlung wegen ihres ausgewogenen Urteils lesensweit ist, setzt sich auf S. 15 mit verschiedenen Auffassungen, besonders der Brr. Schwalbach und Begemann auseinander, welch letzterer die Frage, ob die Hiram-legende schon in den Werkbauhütten oder erst nach 1723 erfunden wurde, unent¬schieden läßt, "wenn er auch persönlich sich der Ansicht anschließt, daß in den Werk¬logen für sie kein Raum vorhanden gewesen sei."

?l So auch Kelsch (Lil. Vera, Nr. 11) S. 58: "Das rein operative Handwerkerbrauchtum wurde bereits im 17. Jahrhundert spekulativ-philosophisch ausgedeutet. Oer Zusam¬menschluß der vier englischen Logen zu einer Großloge im Jahre 1717 bedeutete keinen Neubeginn, sondern war eine organisatorische Festlegung bereits bestehen¬der Formen." Vergl. Knoop-Jones, S. 136 und S. 238 (f.

81 Interessant ist, daß die "Fünf Punkte" in dem 1936 entdeckten Graham-Manuskript mit einer Geschichte über Noah erklärt werden, die in den Grundzügen der Hirams¬legende entspricht. Das Graham-Ms. wurde zunächst in das Jahr 1726 datiert, später aber von Sachverständigen für älter gehalten, etwa aus den siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts stammend. Darum ist es zweifelhaft, in der Noah-Geschichte eine Vorstufe der Hiramslegende zu sehen. Vergl. Knoop-Jones S. 92 ff. und Pauls S. 15 ff.

911. Buch der Könige, Kap. 5 bis 8; 2. Buch der Chronik, Kap. 2 bis 4.

,0) Konstitutionen S. 9 bis 15.

111 KonstitutionenS. 14.

121 Konstitutionen S. 11/12. Mir will scheinen, daß Anderson sich im Text der History an die biblischen Berichte hält, während er sich in der Anmerkung mit Auffassungen befaßt, die in (Angenommenen) Maurerkreisen erzählt wurden. Auch Knoop und Jones schenken der Anmerkung Beachtung, S. 93: "Andersons lange Fußnote über Hiram in den Konstitutionen von 1723 macht es nicht unmöglich, daß die Maurer schon 1723 eine Fassung der Geschichte kannten."

131 Lil Verz. Nr. 19, S. 41 ff. Die Frage, ob Lobkowicz, der später als Hochstapler entlarvt wurde, das Buch selbst geschrieben oder sich einer fremden Feder bedient hat, ist in unserem Zusammenhang ohne Belang. Nach seinem Erscheinen erhielt das Buch erstaunlich gute Kritiken.

,4) Pauls S. 14.

,5) Ausführlich hierüber Knoop-Jones im Kapitel VI, S. 112 ff. Auch Anderson erwähnt diesen Wandel auf S. 43 ff. der History, und aufschlußreich ist seine Liste der "seit der Renaissance der Römischen Maurerey" aufgeführten Bauwerke in der Anmerkung auf den Seiten 46 bis 48.

161 Ein Problem, das hier nicht erörtert werden soll und kann, liegt in dem Verhältnis der 1751 gegründeten Großloge der "Antients" zu der Großloge von London von 1717, deren Vertreter von den Ancients die "Modems" genannt wurden. Um was für Moder¬nisierungen oder Neuerungen es sich handelt, die die Ancients nicht anerkennen wollten, und wieweit auch rituelle Fragen eine Rolle spielten, habe ich bisher nicht klären können. Interessant ist, daß die Ancients den Grad des Royal Arch bearbeiteten. Auch Ebel (Lit. Verz. Nr. 7) beklagt unsere geringe Kenntnis und nennt als möglichen Grund (S. 9): "Der Grund für diesen Mangel scheint in der sehr zögernden Aufarbeitung der Quellen in England selbst zu liegen."

171 Anklänge an Christi Opfertod und Aulerstehung sind nicht zu überhören. Als Schüler lernte ich im evangelischen Religionsunterricht, wenn mein Gedächtnis nicht trügt, den Satz: "Das Abendmahl ist die unblutige Wiederholung des blutigen Opfertodes Christi am Kreuz".

181 Über den salomonischen Tempel vergl. Jaacks (Lit. Verz. Nr. 10) und besonders Kelsch (Lit. Verz. Nr. 13), der ausführlich und tiefgründig den Tempelbau unter ver¬schiedenen Aspekten behandelt.

19) Siehe Anmerkung 8.

201 Gem wird vermerkt, daß schon Klenk 1964 (Lit. Verz. Nr. 14) und konsequent Kelsch seit 1979 (s. Lit. Verz.) von ihren anderen Ansätzen her zu dem gleichen Ergebnis kommen, daß die Ursprünge der spekulativen Maurerei nicht in der Antike (Mysterien, Baubruderschaften u. ä.) und auch nicht erst im 18. Jahrhundert zu suchen sind, son¬dern im Zeitalter der Renaissance und des Humanismus mit ihrem Rückgriff auf die Antike und deren Neuinterpretation. Die freimaurensche Denkweise oder Eigenart der Weltbetrachtung war nicht, wie Lessing als unhistorischer Aufklärer meint, immer, sondern sie entstand mit dem Heraufkommen der neuzeitlichen, bürgerlichen Gesell¬schaft und ihrer Lebensformen. Insoweit haben Vertreter des Marxismus-Leninismus recht, wenn sie in den Freimaurern typische Vertreter des bürgerlichen Klassenfein¬des, der Bourgeoisie, sehen.

211 Lennhoff-Posner (üt. Verz Nr 18), Sp. 1086.

Literaturverzeichnis

A. Methodik

1) Bock, Hans Otto:

Gedanken zur freimaurerischen Grundlagenforschung. Quatuor Coronati-Hefte Nr. 11.1974

2) Bolle, Fritz:

"Quod non est in actis..." Das Tau I, Bayreuth 1975

3)Hammacher, Klaus:

Zur Geschichte wissenschaftlicher Forschungsarbeit: Die Royal Society und die Kri¬terien der Gewißheit in plausibler Erklärung. Ouatuor Coronati Jahrbuch 1982 (Nr. 19)

4) Peters, Bruno:

Freimaurerische Geschichtsschreibung. Das Tau I. Bayreuth 1981

5) Reinalter, Helmut:

Geschichtswissenschaft als historische Sozialwissenschaft. Bedeutung und Folgen für die Freimaurerforschung. Das Tau II. Bayreuth 1984

B. Textausgaben, Abhandlungen

6) Ebel, Rudolf:

Die Konstitutionen der Freimaurer aus dem Jahre 1723. Faksimile-Ausgabe des englischen Originaltextes mit deutscher Übersetzung von Rudolf Ebel. Ouatuor Coronati e.V., Bayreuth 1983

7) Ebel, Rudolf:

Laurence Dermotts "Ahiman Rezon". Ouatuor Coronati Jahrbuch 1983 (Nr. 20)

8) Erler, Martin:

Diegroße Legende vom Tempelbau. ORA-Verlag, München 1969

9) Großmann, Gerhard:

Überlegungen zu den "Fünf Punkten" und schottischen Quellen ausder Zeit vor 1717. Ouatuor Coronati Jahrbuch 1982 (Nr. 19)

10) Jaacks, Gisela:

Abbild und Symbol. Das Hamburger Modell des Salomonischen Tempels. Hamburg-Porträt Heft 17/1982. Museum für Hamburgische Geschichte

11) Kelsch, Wolfgang:

Die Emblematik der Barockzeit und ihr Einfluß auf die Ikonographie der Freimaurerei. Ouatuor Coronati Jahrbuch 1979 (Nr. 16)

12) Kelsch, Wolfgarg:

Geheime Weisheiten und redende Denkbilder. (Der Ursprung freimaurerischer Denk¬formen im Zeitalter der Renaissance) Ouatuor Coronati Jahrbuch 1980 (Nr 17)

13) Ketsch, Wolfgang:

Der Salomonische Tempel - Realität - Mythos - Utopie. Quatuor Corona« Jahr¬buch 1982 (Nr. 19)

14) Wenk, Heinrich:

Bemerkungen zu den Konstitutionen Andersons von 1723. Quatuor Coronati-Hefte Nr. 1.1964

15) Klenk, Heinrich:

Antikes und Mittelalterliches bei der Freimaurerei seit 1717. Quatuor Coronati-Hefte Nr. 2.1965

16) Knoop, D. und Jones, 6. R:

Die Genesis der Freimaurerei. Deutsche Übersetzung 1969 bei Quatuor Corona«

17) Kosellek, Reinhard:

Freimaurerei im 18 Jahrhundert zwischen Politik und Moral. Das Tau I. Bayreuth 1982

18) Lennhoff, Eugen und Posner, Otto:

Internationales Freimaurer-Lexikon (Neudruck der Ausgabe 1932) Graz 1965

19) Lobkowicz, Peter F:

Die Legende der Freimaurer. Bauhütten-Verlag. Hamburg 1971

20) Möller, Dieter:

Die Londoner Großloge von 1717. Vorgeschichte und Geschichte ihrer Gründung. Quatuor Coronati-Hefte Nr.5.1968

21} Möller, Dieter:

Das älteste überlieferte maurerische Ritual. Quatuor Coronati-Hefte Nr. 8.1971.

22) Möller, Dieter:

Die "Alten Pflichten" - einmal auf Schotlisch (Die Schaw-Statuten von 1598 und 1599). QuatuwCwniaiJahrbuch1975(Nr.12)

23) Möller, Dieter:

Die ersten Jahre der ersten Loge. Quatuor Coronati Jahrbuch 1975 (Nr. 12)

24) Müller-Börner, Richard:

Der Ouke of Sussex und die Vereinigung der Antients and Modems. Quatuor Coronati Jahrbuch 1977 (Nr. 14)

25) Pauls, August:

Entstehung, Ursprung und Bedeutung des Meistergrades. Bauhütten Verlag o. J.

26) Pflanzl, Mathias:

Johannes und Hiram als Mysteriengestalten. Bauhütten Verlag, Frankfurt 1966

27) v. Pölnitz. Peter Frhr.:

Die historische Entwicklung des maurerischen Eides in (Mritannien. Quatuor Coronati-HefteNr.8.1971

28) Troeltsch, Edmund:

Die Hiram-Legende. Ms. für Brr. Freimaurer der Loge "Zu den drei Aufrechten" i.O. Krefeld. 1946

Источник:

Quator Coronati : Jahrbuch, Bayreuth 1987, Heft 24

Копия предоставлена

Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover / Niedersachsen

Библиотекой имени Готфрида Вильгема Ляйбница в Ганновере / Нижняя Саксония

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