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Initiation


Ilia
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Auf halbem Weg des Menschenlebens fand

Ich mich in einen finstern Wald verschlagen,

Weil ich vom graden Weg mich abgewandt.

So beginnt die Göttliche Komödie von Dante, ein mehrdimensionales Buch, reich an verborgenen esoterischen Bedeutungen, ein Buch über die Initiation von einem großen Eingeweihten seiner Zeit. Ein Buch, das ich am meisten mag. Ich möchte nicht mein bescheidenes Leben mit den Biographien von den Großen vergleichen, aber die Hieroglyphen, die Zeichen, sind gleich für die ganze Menschheit und gelten auch für mich, in meinem Wandel auf dem Pfade der Selbsterkenntnis.

Ich werde hier nicht nur über meine Gefühle und Erlebnisse sprechen, sondern vielmehr auch meine Gedanken öffnen, weil das Prinzip des ersten Grades „Schau in dich" bedeutet für mich auch über meine innere Erfahrungen nachzudenken und passende Erklärungen dafür zu finden. Es ist nicht so, dass ich irgendeine „reine Lehre" über die freimaurerische Aufnahme eines Suchenden predigen möchte. Alles, was ich hier will, ist nur, meine persönlichen Empfindungen und Gedanken mit den Brüdern teilen.

Es gibt wohl Menschen, deren Leben mit einem einfachen und geraden Weg zu vergleichen ist. Auf ihrem Erdenweg treffen sie selten etwas neues, überraschendes, geheimnisvolles und auch nichts schreckliches. Ich beneide manchmal diese Leute, weil ich auf meiner Lebensreise auch Ordnung, Klarheit und Sicherheit hoch schätze. Vielleicht habe ich eine besondere Sehnsucht nach Klarheit und Eindeutigkeit, weil in meinem Leben nur einige wenige Sachen klar und eindeutig waren. Ich kann das Leben gut mit einem Urwald vergleichen, in dem der Mensch alles erkämpfen muss. Ich spreche hier nicht nur über etwas materielles, nicht nur über das Mittel zum Lebensunterhalt für meine Familie und mich, auch nicht nur über Kenntnisse oder Bekanntschaften, sondern auch über die Werte, Ideen und Beziehungen zum Transzendenten.

In meiner Situation gibt es auch positive Aspekte, z. B. habe ich weniger Illusionen bezüglich meiner Unwissenheit, meiner geistigen Blindheit. Mit dem Gedanken von Sokrates: οἶδα οὐκ εἰδώς - „Ich weiß, dass ich nichts weiß", oder besser gesagt „Ich weiß als Nicht-Wissender " bin ich schon längst vertraut. Es ist für mich aber nicht bloß ein schöner Spruch, sondern eine Erkenntnisstrategie, immer kritisch gegenüber eigenem Wissen und Vorstellungen zu sein. Man soll sich dessen bewusst sein, dass man irren kann, dass man mit bestem Willen und einer guten Gesinnung ein Sklave von Vorurteilen und Illusionen seien kann.

Ein Profaner hat in der Welt keine eindeutige Orientierung. Das merken nur wenige. Die meisten Leute sind mit „second hand" – Lebensphilosophien zufrieden. Hier mache ich bewusst keinen Unterschied, aus welcher Quelle diese „second hand" Lebensphilosophien stammen: aus Fernsehserien oder aus einer religiösen Gemeinschaft, die sentimentalen, unkritischen Glauben kultiviert, eine Art von Glauben, die mit dem kritischen Verstand, Erkenntnis und der wahren Toleranz nicht vereinbar ist. Ich meine hier jede Ideologie, die den Menschen nicht zum Denken veranlasst, sondern auf seinen Vorurteilen und Leidenschaften aufbaut. Egal, ob sie seine Anhänger zum gedankenlosen Konsum, Verantwortungslosigkeit, Menschenfeindlichkeit oder unkritischer Weltanschauung führt.

Für jemanden aber, der sich mit billigen und fertigen Antworten auf die Lebensfragen nicht begnügt, gibt es eine Reihe weiterer Komplikationen und Gefahren, die ihm auf seiner Suche nach Wahrheit drohen. Die Gefahren kommen dann nicht von Außen, sondern aus dem Inneren, von eigenen Leidenschaften und Vorurteilen des Suchenden.

Ich weiß nicht, ob es überhaupt möglich ist, sich ohne jegliche Hilfe von anderen Menschen zu vervollkommnen. Diese Aufgabe ist meiner Meinung nach, nicht einfacher, als das Abenteuer, in dem sich Münchhausen samt Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Folgender Ausspruch wird Archimedes zugeschrieben: „Gebt mir einen festen Punkt und ich werde die Erde aus den Angeln heben". Wenn ich über die ethische und geistige Vervollkommnung spreche, dann bedeutet dieser „feste Punkt" das ewige höhere Prinzip, von dem aus eine lebendige Tradition kommt und die Bruderschaft, welche die Tradition trägt und sozusagen verkörpert.

Ich habe schon vor einer langen Zeit gemerkt, dass manche Leute nie im wahren Sinne des Wortes erwachsen werden. Viele beschäftigen sich ihr ganzes Leben lang mit der Problematik der Wechseljahre. Diese Leute suchen ständig nach Spaß, sind verantwortungslos und unfähig eine feste Beziehung aufzubauen. Sie protestieren oft gegen eine wahre oder vermeintliche Ungerechtigkeit, aber kommen nie dazu, das Leben zu verändern. Sie beschäftigen sich viel mit Sexualität, aber kommen damit nie klar. Mit der Zeit werden sie alt, ohne reif zu werden. Die Ursache eines solchen Verhaltens sehe ich in dem Fehlen einer vollwertigen Initiation in unserer modernen Gesellschaft. Hier meine ich die Initiation im engeren Sinne, die in vielen traditionellen Gesellschaften an die Pubertät anknüpft und so die Kindheit beendet, oder den Eintritt in eine neue Altersklasse markiert. Obwohl es in verschiedenen modernen Religionen Riten gibt, die man mit Initiationsriten vergleichen kann, glaube ich nicht, dass diese auf „automatische" oder sozusagen „magische" Weise bei allen, die diese Übergangsriten erleben, eine innere Veränderung hervorbringen.

Die wahre Bruderschaft gehärt auch dazu, was ich in der Loge gesucht habe. Es ist keineswegs einfach, gute und zuverlässige Freunde zu finden. Solche Freunde, die Menschen respektieren, hilfsbereit und treu sind. Noch komplizierter ist es aber solche Freunde zu finden, die zur inneren Vervollkommnung und Wohltätigkeit beitragen.

Die Initiation gehärt zu den Übergangsriten, die die soziale Identität des Betroffenen verändern und neu festsetzen. Häufig ist sie mit einer besonderen esoterischen Erfahrung (»Neuwerdung«) verbunden.

Laut dem Religionswissenschaftler, Philosophen und Schriftsteller, Mircea Eliade, wurden die Initiationsriten schon in der Steinzeit, in der Vorgeschichte des menschlichen Geschlechts, praktiziert. Sie haben einen ausschlaggebenden Einfluss auf die Entwicklung der menschlichen Kultur und Gesellschaft ausgeübt. Eine Initiation bei den archaischen Menschen konnte mit dem Bestehen von Mutproben, mit zeitweiliger Isolierung der Initianden von der Gesamtgesellschaft, Ertragen von Hunger, Durst, Schlafentzug, sowie mit moralischer Unterweisung der Initianden, verbunden sein.

Als ich in der „dunklen Kammer" das Buch des heiligen Gesetzes gelesen und über mein Leben nachgedacht habe, habe ich auch über den Schädel meditiert. Es war für mich hauptsächlich nicht das Symbol des Todes, sondern vielmehr „Adams Kopf", wie der menschliche Schädel in der orthodox-christlichen Ikonographie bezeichnet wird. Ein Zeichen für den Urahnen, für die Urtradition der Menschheit, von der vielleicht die freimauerische Tradition stammt.

Ich erlaube mir hier ein paar Gedanken aus einer profanen, wissenschaftlichen Sicht über die Bedeutung der Männerbünde aus der Steinzeit. Das sind nur meine Vermutungen, keinesfalls Behauptungen. über die Spiritualität der Steinzeitmenschen ist uns zu wenig bekannt, damit ich mir eine klare Meinung bilden könnte. Es gibt aber rationale Gründe für die Existenz der diskreten Gesellschaften unter den Männern in der Vorgeschichte. Zu den Aufgaben der Männer gehärte die Jagt und Verteidigung des Stammes. Eine Voraussetzung dafür war die Fähigkeit, Werkzeuge und Waffen herzustellen und zu benutzen. Diese Fähigkeit bringt seinerseits eine potentielle Gefahr für die Gesellschaft mit sich. Denn ein Mann, der Stein behauen und Waffen produzieren kann, kann auch fär die Stammesangehörigen gefährlich werden. Deswegen waren die Fähigkeiten, Stein zu behauen, nicht für alle zugänglich und wurden nur im Zusammenhang mit einer gewissen moralischen Unterweisung beigebracht und mit einem Schwur verbunden.

Einige Gefühle wurden während des Aufnamerituals bei mir besonders stark: Gefühle der Verlorenheit und der Orientierungslosigkeit. Ich habe dass schon früher erwähnt: ein uneingeweihter Mensch ist in der Welt verloren und hat keine eindeutige Orientierung. Folgende Tatsache ist aber nur einigen wenigen bewusst. Das Symbol des Labyrinthes als Bild des menschlichen Lebens und der initiatorischen Prüfung finden wir überall in den traditionellen sakralen Bauten seit Archaik bis in das Mittelalter.

Als die schwarze Binde von meinen Augen entfernt wurde und ich das Licht gesehen habe, habe ich auch die Orientierung in der Loge gefunden. Das Wort „Orientierung" stammt etymologisch vom Wort „Orient". Aus dem Osten (kommt) das Licht, wie das Lateinische Sprichwort sagt, „Ex oriente Lux". Wenn man die eigene Position nach der "aufgehenden" Sonne bestimmen konnte, konnte man sich "orientieren". Wenn ich das wahre Licht erkannt habe, und in unserem Ritual wird Licht mit Wahrheit verglichen, dann habe ich auch eine „Orientierung" im Leben. Ich weiss dann, wie ich mich in der ein oder anderen Situation verhalten muss, wie ich mir ein objektives und kritisches Bild von der Welt bilde.

Die Zeit, die ich schon als Freimaurer lebe, ist zu kurz, um Schlussfolgerungen ziehen zu können. Aber ich kann schon sagen, dass die Intensität der inneren Arbeit an geistiger und sittlicher Vervollkommnung stark gestiegen ist. Die brüderliche Gemeinschaft und die freimaurerischen Rituale sind für mich die richtige Hilfe bei dieser Arbeit.

Die mir dazu gegebenen Werkzeuge: der 24zöllige Maßstab und der Spitzhammer bedeuten für mich praktisch eine viel sparsamere Zeitverteilung und härtere innere Disziplin.

Ich glaube, dass ich in dem vergangenen Jahr auf diesem Weg einen gewissen Fortschritt erzielt habe. Trotzdem bin ich noch weit von der Perfektion entfernt.

Wie es in den „Lehrgesprächen" heisst, dient der Maßstab dazu, die Zeit bei der „Arbeit Am Rauhen Stein" mit Weisheit einzuteilen und nicht dazu, ein „Workaholic" zu werden. Ich muss noch lernen, nicht in ein Extrem zu geraten sondern den königlichen mittleren Weg zu gehen.

Zu guter Letzt möchte ich meine tiefe Verbundenheit zur Loge auszudrücken. Die Loge ist zu einem sehr wichtigen Teil meines Lebens geworden. Die Zugehörigkeit zur Bruderkette hat für mich mehrere Dimensionen. Die weltweite Gemeinschaft mit anderen Brüdern, die auf dem Bau des Tempels der Humanität arbeiten und die historische Dimension der jahrhundertelangen Kette der Tradition. Schließlich auch, was für mich besonders wichtig ist, die Gemeinschaft, der Dialog und Freundschaft mit Brüdern aus meiner eigenen Loge.

Ich hoffe, dass meine Zeichnung zu dieser Gemeinschaft und Freundschaft beitragen wird.

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