Leo Tolstoi und die K. K.

1 сообщение в этой теме

Опубликовано:

Leo Tolstoi und die K. K.

Von Br. W e r e ks h a g e n - Berlin.

Die welterschütternden Ereignisse im Osten lenken den Blick auf einen Mann, der im Hintergrund der Tagesereignisse steht und dessen Dasein und Wirken für die Geschichte der sla vi sehen Rasse doch vielleicht mehr bedeutet, als das blutige Völkerringen im fernsten Osten und die Revolten im Innern des Reiches: Graf Leo Tolstoi, eine der gewaltigsten Persönlichkeiten, die aus den Wogen des slavischen Völkermeeres emporgetaucht sind. So fremd uns mancher Zug im Denken und Dichten dieses Mannes zunächst anmuten mag, so nah tritt er uns, wenn wir einen Blick in das Innerlichste seines Wesens tun. Es gibt kaum einen anderen unter den europäischen Kulturträgern seines Ranges, in dessen Seele soviel zwar unbewusstes aber echtestes Freimaurertum lebt, wie Tolstoi. Ein voller Beweis dieser Behauptung würde zu einer eingehenden Biographie und Psychologie des edlen Russen führen; der Raum, den dieser Aufsatz beanspruchen darf, gestattet aber nur einige Andeutungen.

Das grosse Ereignis im Leben Tolstois ist seine Bekehrung. Sie erinnert an die Bekehrung Luthers in der Zelle des Augustinerklosters zu Erfurt. Dem Mönch setzte, wie er treuherzig berichtet, die Anfechtung über alle Massen hart zu, und in der Verzweiflung über seine Sünde ward er wie eine Leiche. In diesen Stunden höchster seelischer Qual erhielt der Gewissensmensch Martin Luther die Geistestaufe von oben. Nicht weniger ergreifend und nicht weniger gross ist die Bekehrung Tolstois. Auch er hat die Lebensmöglichkeit verloren, in demselben buchstäblichen Ernst wie Luther. Dass ein Mensch mit gesunden Sinnen, der das Leben in die Weite und in die Tiefe durchschritten hat, nicht übersättigt, sondern in voller Frische Leibes und der Seele, die Stirn mit frischem Lorbeer geschmückt, ein solider ehrenfester Mann, ein glücklicher Familienvater, eines Tages den Geschmack am Leben verliert, auf ein totes Geleise gerät, und in erschütternder

Verzweiflung hilferufend zum Himmel schreit: das ist ein Vorgang, den unsere Zeit am liebsten ärztlicher Allwissenheit unterbreitet. Denn der Sinn für eine heroische Lebensführung ist uns abhanden gekommen. Und doch geschieht hier nichts andres, als dass ein ungewöhnlicher Gegenwartsmensch am Ende seines Wissens und Könnens die Arme ausstreckt nach den ewigen Mächten, in denen alles Dasein wurzelt.

Tolstois Bekehrung ist geradezu ein Paradigma für den Religionsphilosophen, oder .wie Prof. Glogau in seiner scharfsinnigen Charakteristik des „russischen Reformators1' -sich ausdrückt: „an ihm kanini jurian mit grösster Deutlichkeit die Motive erkennen, durch welche sich der Mensch überhaupt aus der natürlichen Weltanschauung des sinnlichen Scheins hinaus Schritt um Schritt in eine übersinnliche Wahrheit gedrängt sieht." Tolstoi wächst nicht, wie es bei uns der Fall zu sein pflegt, halb unbewusst in den religiösen Glauben hinein, sondern beim hellsten Tageslicht wird auf dem Wege, auf dem alle wahre Religion geboren wird, aus dem ungläubigen ein gläubiger Mensch. Nicht als ob der kluge Verstand dieses Mannes unvermutet hinter einer Tapetentür den lieben Gott gefunden hatte — der Intellekt hat wenig dabei zu tun. Der ganze Mensch Leo Tolstoi fühlte, dass sein Leben stillstand wie ein Uhrwerk, in dem die Feder gesprungen ist. Ich wüsste keinen anderen Menschen aus neuerer Zeit, in dessen Seele das Gefühl, mit allem natürlichen Sinnen und Trachten, Wollen und Können nun am Ende zu sein, so als marternde Qual empfunden worden ist.

„Es ereignete sich", so schreibt Tolstoi in seiner „Beichte", „etwas sehr seltsames. Es kamen Augenblicke des Zweifels, des Stillstandes des Lebens, in denen ich nicht wusste, wie ich leben, was ich tun sollte. Dieser Stillstand des Lebens äusserte sich immer in denselben Fragen: Warum? Nun, und was dann? Nun gut, du wirst sechstausend Dessjatinen Land im Samaraschen Gouvernement besitzen mit dreihundert Pferden, und was dann? Oder, wenn ich an den Ruhm dachte, den mir meine Werke einbringen werden, sagte ich mir : Nun gut, du wirst berühmter werden als Gogol, Puschkin, Shakespeare, Molière und alle Schriftsteller der Welt, nun, und was dann ? Und nichts, nichts wusste ich darauf zu antworten. Die Fragen warten nicht, sie müssen sofort beantwortet werden; kann man sie nicht beantworten, so kann man nicht leben. Aber ich fand keine Antwort. Ich hatte das Gefühl, als ob der Boden, auf dem ich stehe, unter mir zerbrochen, als ob ich

keinen Fleck mehr habe, um darauf zu stehen. Mein Leben stand still."

Christoph Schrempf, der freimütige Theologe und feinsinnige Literarhistoriker, findet es sehr beachtenswert, dass Tolstoi nicht an seiner Sünde gestrandet sei. Nicht das Gespenst vergangener Schuld sei ihm drohend in den Weg getreten — und darin müsse der richtige Protestant einen Beweis von Oberflächlichkeit sehen. Jedoch Schrempf ist zu feinfühlig, als dass er die Seele des heroischen Tolstoi mit der Elle der kirchlichen Dogmatik ausmessen wollte, er sagt vielmehr: soviel ich sehe, ist Tolstois Persönlichkeit in seiner Bekehrung sogar noch tiefer, stärker und umfassender erschüttert worden, als die Luthers in seinen berühmten klösterlichen Kämpfen.

Indessen, mich dünkt, man darf Tolstoi und Luther nicht in einem Atem nennen, ohne sofort hinzuzufügen, dass Tolstoi in dem Milieu des griechischen Christentums aufgewachsen ist. Augustinus und Luther, überhaupt das spezifisch paulinische Christentum, sind ihm eine fremde Welt geblieben bei seinen Exkursionen in die abendländische Kultur. Es liegt in der Linie des griechischen Christentums, wenn nicht die Sünde, sondern der Tod ihn schreckt, nicht die Gnade, sondern' das neue Leben als Kampfpreis ihm winkt.

Wie kommt Tolstoi aus dem Engpass des Zweifels in die befreiende Weite des Glaubens ? Er geht zuerst zur Kirche und zu den kirchlich-frommen Leuten, um den inneren Frieden zu finden. Er hielt die Pilger auf der Landstrasse an, er redete mit den Mönchen im Kloster, er ging in die Konventikel der Sektirer, und hier fand er in der Tat den religiösen Glauben als einen reellen Lebensfaktor. Diese Leute, so schreibt er, nahmen Krankheit und Kümmernisse ohne jedes Missvergnügen oder Groll auf mit ruhiger und fester Zuversicht, dass es so sein müsse und nicht anders sein könne, und dass das alles gut sei. Diese Leute sind gewohnt, mit Ruhe, oft sogar mit Freudigkeit zu leben, zu leiden und dem Tode entgegenzugehen. Und weshalb vermochten sie das? Sie hatten einen Gott; Tolstoi aber konnte Gott nicht finden, daher sein seelischer Zusammenbruch.

„Das menschliche Leben ist ein Zirkel, dessen Mittelpunkt die Verehrung des g. B. a. W. ist." — gibt es eine ergreifendere Bekräftigung dieses Wortes uns res Rituals als jenes machtvolle innere Erlebnis Tolstois? Ein Kreis ohne Mittelpunkt ist ein Nonsens — das Menschenleben erhält erst einen Sinn, wenn Gott

sein Zentrum geworden ist. Erkannt haben wir diese Wahrheit alle, aber so tief in die Seele gebrannt ist sie durch eine höhere Hand vielleicht keinem von allen unseren Zeitgenossen, die öffentlich zu reden berufen sind.

Und welchen Gott findet nun Tolstoi?

„Ich erinnere mich", so erzählt er, „wie ich einmal zu Anfang des Frühjahres allein im Walde war und auf die Klänge des Waldes lauschte. Ich horchte und dachte immer an eins, wie ich immer nur an eins und dasselbe während der letzten drei Jahre gedacht hatte — wieder suchte ich Gott. Ich erinnerte mich, dass ich nur dann lebte, wenn ich Gott glaubte. Wenn ich an Gott dachte, so lebte ich auf, wenn ich ihn vergass, nicht an ihn glaubte, so erstarrte ich. Was bedeutet dieses Aufleben und Erstarren? Ich lebe ja nicht, wenn ich den Glauben an das Dasein Gottes verliere. Und ich hätte mir schon lange das Leben genommen, wenn ich nicht die bestimmte Hoffnung hätte, ihn zu finden. Ich habe ja nur dann ein wirkliches Leben, wenn ich seine Nähe fühle und ihn suche. „Nun also, was suche ich noch, rief eine Stimme in mir, da ist er ja, ohne welchen ich nicht leben kann? Gott erkennen und leben, das ist ein und dasselbe. * Gott ist das Leben!"

Dieser Gott, das leuchtet sogleich ein, ist nicht der Gott der griechisch-katholischen Kirchenlehre, nicht ein Gott, der in Himmelsferne von der Welt wohnt. Soll er einen Namen haben, so heisst er nicht Jahwe, eher heisst er Atman oder Brahman: das ewig unwandelbare Eine, das jenseit der Erscheinungsweit liegt, von dem der Mensch ausgegangen, zu dem er nach dem Tode wieder zurückkehrt, der Allgeist, das Allleben. Dieser Gott ist der ewige Urgrund der Welt.

Darf man von einer besonderen maurerischen Gottesidee reden, so muss man auch sagen, dass Tolstois fromme Spekulation sich in Bahnen bewege, die den unseren gar nahe liegen. Die meisten unter uns werden über diesen Tolstoischen Gottesbegriff hinausgehen, aber gleichviel, wir gehen ein gutes Stück Weges mit ihm, und wissen, dass gerade diese Strecke Weges echt maurerisches Land ist.

Nicht weniger unbewusstes Maurertum bekundet sich in der Art, wie Tolstoi zu dem Stifter der christlichen Religion Stellung nimmt. Er ist ihm nicht der vom Himmel herniedergestiegene Gott, sondern der grosse Lehrer und Erzieher der Menschheit. Ganz im Einklang mit den „altevangelischen Gemeinden" reduziert er die Lehre Jesu im wesentlichen auf die Bergpredigt. Und wie er

diese sittlichen Weisungen auslegt und anwendet, das zeigt wieder die nahe Verwandtschaft seiner Geistesart mit derjenigen jener Gemeinschaften und unserer Bauhütten. In dem grundsätzlichen Verzicht auf die Rache erblicken wir eines der wesentlichsten Kennzeichen der Menschenliebe. Dieser Gedanke wird von Tolstoi mit grösster Energie betont. Es gibt, so lehrt er, nur einen Weg, das Übel zu verhindern, das ist: Böses mit Gutem vergelten, Gutes tun, ohne jeglichen Unterschied. Gleichwie Feuer nicht Feuer löscht, so kann Böses nicht Böses ersticken. Nur das Gute, wenn es auf das Böse stösst und von diesem nicht angesteckt wird, besiegt das Böse. Dies ist in der Seelenwelt des Menschen ein ebenso unwandelbares Gesetz, wie das Gesetz Galileis. Das Vorwärtsschreiten des Menschen zum Guten wird nicht durch die Marternden bewirkt, sondern durch die Gemarterten. So interpretiert Tolstoi das Wort Jesu: „Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel," in dem er den Zentralgedanken der christlichen Lehre ausgedrückt findet.

In fünf Hauptgeboten, so lehrt Tolstoi weiter, wendet Jesus diese Grundwahrheit auf das Leben an:

Erstlich: ihr sollt niemandem zürnen, vielmehr den gestörten Frieden ohne Verzug wieder herstellen;

Zum andern: bändigt eure Sinnlichkeit, denn die un-gezähmte Leidenschaft wirkt Unfrieden;

Zum dritten: niemand, auch nicht der Staat, hat ein Recht zur Rache oder zum Richten; duldet die Kränkung;

Viertens: ihr sollt euch nicht sondern in Nationen und Staaten, denn alle Menschen sind Brüder und Kinder eines Gottes;

Fünftens: ihr sollt keinen Eid, auch keinen Fahneneid leisten, der euch zum willenlosen Werkzeug der Obrigkeit macht. Diese sittlichen Weisungen, das ist nun Tolstois Meinung, habe Jesus zu dem Zweck gegeben, damit sie von seinen Anhängern befolgt würden. Die Kirchen sind bekanntlich picht dieser Meinung, dass die Vorschriften der Bergpredigt wörtlich gemeinte Anweisungen für das praktische Leben hier auf Erden seien. Mit allem Pomp assistiert — wie Tolstoi das in seinem letzten Roman: „Die Auferstehung" so überaus anschaulich schildert — die christliche Geistlichkeit bei der Eidesleistung, sie assistiert insbesondere bei dem Fahneneid, obwohl Jesus mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig lässt, geboten hat: „Ihr sollt überhaupt nicht schwören." Die Kirche segnet die Waffen für den Krieg, ihre Priester feuern die Kämpfer zur Vernichtung der Feinde an, obwohl Jesus

mit klaren Worten geboten hat: „Liebet eure Feinde und betet für eure Verfolger.'' Man hat sich in den christlichen Kirchen daran gewöhnt, von den moralischen Vorschriften der Bergpredigt eine so freie Übersetzung zu geben, als ob der Glaube an Christus, wie ihn zuerst Paulus verstanden hat, jene Gebote ebenso abrogiert habe, wie das Gesetz des Alten Bundes. Man hält sie nach überraschend einhelligem, stillschweigendem Übereinkommen wie ehrwürdigen Väterhausrat, den wir nie ohne Ehrfurcht betrachten, aber auch nie in Gebrauch nehmen. Es ist ein Theologe, und zwar ein Theologe von der Bedeutung Schrempfs, der in einem seiner Aufsätze über Tolstoi das Bekenntnis ablegt: „Mir hat erst Tolstoi die sehr simple Wahrheit so ganz klar und deutlich vor Augen gestellt, Christus habe uns seine Gebote oder Ratschläge zu keinem anderen Zweck .gegeben, als dass wir unser Leben darnach einrichten." Tolstoi hat dies getan. Seinem schlichten grossen Denken ist es eine ganz selbstverständliche Sache, dass, die sich Christen nennen, ihr Leben nach Christi Gedanken umgestalten müssen, mag das liebe Ich und die Welt dazu sagen, was sie wollen.

Tolstoi übersieht aber hierbei, dass er unvermerkt den Lehrer und Erzieher der Menschen zu einem Gesetzgeber macht. Die Bergpredigt wird von ihm nicht als Proklamation eines neuen höheren Ethos aufgefasst, sondern zu einem neuen Dekalog gemacht. Mag Jesus immerhin die genaue Befolgung seiner Weisungen seinen Jüngern auferlegt haben, eine sittliche Persönlichkeit muss auch Jesus gegenüber sich die volle Freiheit des Handelns bewahren. „Der freie Mann" — mit Bedacht legen unsere Rituale auf dieses Wort grosses Gewicht — kann schlechterdings keinen moralischen Gesetzgeber anerkennen ausser der in seinem Gewissen redenden Stimme, des höchsten Wesens. Als der Bringer neuer Gesetzestafeln würde Jesus auch aufhören, unser Bruder zu sein; er würde un;s zu Knechten erniedrigen, nicht zu Brüdern erhöhen. Und hiervon abgesehen: auf eine menschliche Autorität hin können wir unser sittliches Leben micht einrichten. Gesetzt den Fall, die Geschichtsforschung fkäme zu dem Ergebnis, die Worte der Bergpredigt seien nicht authentisch, sie käme zu dem Resultat, das erhabene Lebensbild Jesu sei die Schöpfung der religiösen Phantasie — was dann ? Sollen wir dann der Forschung , in die Arme fallen und flehen: raubt uns nicht den festen Boden, worauf unser inneres Leben sich aufbaut? In unsrem sittlichen Leben, können wir uns nie und nimmer in die Abhängigkeit einer Geschichtswahrheit begeben. Die Annahme bestimmter sittlicher Normen aus

der Aussenwelt — auch der religionsgeschichtlichen — kann nur die Tat freier und bedingter Zustimmung sein.

So hatte sich auch Tolstoi frei von innen heraus, unter dem Einfluss der Rasse, der er angehört, der persönlichen Veranlagung, seines Bildungsganges, seiner Lebensschickungen in der Sphäre des Unbewussten längst für jene besondere Art christlicher Lebensführung entschieden, ehe er sie in den Geboten der Bergpredigt fand. Dafür spricht allein schon der Umstand, (dass er diese Weisungen Jesu sehr einseitig interpretiert. Harnack in seinem „Wesen des Christentums" redet von einem „plumpen und gefährlichen Missverständnis." Sein Schüler Weinel spricht von „buddhistischer Umdeutung des Gebotes der Liebe."

Diese flüchtige Bemerkung weist in der Tat auf eine sehr bemerkenswerte Spur. Anklänge an das Tolstoische Christentum — das freilich in der erwähnten Bergpredigt-Auslegung mehr angedeutet als dargestellt ist — finden sich in der abendländischen Christenheit bei den altevangelischen Gemeinden in verschiedener Nüancierung. Überraschend wird die Ähnlichkeit aber erst bei jener, im zwölften Jahrhundert weit ausgebreiteten überaus lebenskräftigen christlichen Gemeinschaft, die allem Ketzertum den Namen gegeben hat, den Katharern. Hier finden wir den Tolstoischen Dualismus: „Geist—Fleisch, Licht—Finsternis" in grösster Schroffheit ausgebildet. Die Sünde ist hier der Zug zur Materie, zum Fleisch. Als Todsünde galten ihnen: das Töten, auch der Tiere; der Besitz irdischen Gutes; die Lüge; der Genuss tierischer Nahrung — mit Ausnahme der noch heute als Fastenspeise in Ehren stehenden Fische, und zwar deshalb, weil diese letzteren nach damaliger Meinung nicht einer geschlechtlichen Beiwohnung ihres Daseins verdanken —; als grösste aller Sünden galt die geschlechtliche Verbindung, sowohl ausserhalb als innerhalb der Ehe.

Es hält nicht schwer, in diesem fünfteiligen Sündenkatalog die Grundgedanken der Tolstoischen Lehre wiederzufinden: Die Moral des Nichtwiderstrebens, insbesondere idie Verwerfung des Krieges; den Kommunismus; den rücksichtslosen Kampf gegen die innerlich unwahre Kunst und Wissenschaft; den Vegetarismus nebst der Abstinenz; die geschlechtliche Askese.

Jedoch noch eine Schicht tiefer können wir graben. Die Katharer "und ihre affiliierten Sekten sind nicht italienischen oder französischen Ursprunges, sondern nachweislich aus dem griechisch-slavischen Osten importiert, zunächst aus Bulgarien. Und hier hat man ihren Stammbaum zurückverfolgt bis zu den Manichäern, jener

dem Christentum so überaus gefährlichen Sekte, die weniger eine Sekte als vielmehr eine besondere Religion darstellt, die der christlichen Religion ebenso fremd gegenübersteht, wie etwa der Islam. Diese morgenländische Religion Manis aber, die in ihrem Synkretismus und' in ihrer Abzweckung auf die Interessen der Gebildeten (freilich auch nur darin) eine gewisse Ähnlichkeit mit der heutigen Theosophie besitzt, hat ihre asketischen Momente wiederum dem Buddhismus entlehnt.

Man vergegenwärtige sich die vermutlich von Goutama Buddha selbst herrührenden fünf Hauptgebote: i. du sollst nicht töten; 2. du sollst nicht nehmen, was dir nicht gegeben worden ist; 3. du sollst nicht lügen; 4. du sollst keine berauschenden Getränke trinken; 5. du sollst dich des unkeuschen geschlechtlichen Verkehrs enthalten. Hier haben wir den Sündenkatalog der Katharer, hier haben wir die Grundlehren Leo Tolstois.

So findet sich übrigens auch schon zu dem Gedanken, den Tolstoi zum Mittelpunkt der ganzen Jesuslehre macht, eine Parallele in den buddhistischen Dhammapadas:

„Suche den Zorn durch Liebe zu brechen, Bösem Mit Gutem zu widerstehn, Gierige zu besiegen durch reiche Gaben und Lügner durch wahres Wort."

Mit dem Hinweis ,auf diese teilweise überraschenden Zusammenhänge zwischen den Grundgedanken Tolstois und der Lehre Buddhas soll die Originalität des russischen Denkers weder bestritten noch beschränkt werden. Die Art, wie Tolstoi sich gelegentlich über den Buddhismus, den er im Verlaufe seiner Studien allerdings kennen gelernt hat, äussert, macht eine bewusste Anlehnung höchst unwahrscheinlich.

Immerhin ist es eine höchst beachtenswerte Erscheinung, dass das Christentum, das einen der genialsten Männer unserer Zeit zu einem wahrhaft geistesgesalbten Propheten gemacht hat, zu einem seiner machtvollsten Organe in der modernen Welt, eine so stark buddhistische Färbung trägt. Das könnte fast denen Recht zu geben scheinen, die von der Zukunft nicht die Aufsaugung der übrigen Weltreligionen durch das Christentum, sondern eine wie immer geartete Verschmelzung der universalen Religionen erwarten. Sieht man aber von den Zuspitzungen der Tolstoischen Gedanken-

gänge ab, löst man aus ihnen heraus, was «die spezifisch-russische Kultur und die Sozialrevolutionäre Zeitstimmung und vielleicht auch das Individuelle der Persönlichkeit hineingewebt haben, so bleibt übrig eine religiös^ethische Grundstimmung, die von Alters her in unseren Bauhütten eine Heimstätte gehabt hat: ein gelassener frommer Sinn, stärkste Abneigung gegen alles Gewaltsame, unbedingte Duldsamkeit, Ehrerbietung vor jeglichem Menschen, welcher Rasse, welchen Volkes, welchen Standes, welchen Glaubens er sei, die tatkräftige Pflege schrankenloser brüderlicher Gesinnung.

So steht dieser Mann, der die meisten der Grossen unserer Zeit um Haupteslänge überragt, nach seinem innerlichsten Wesen und Wollen in unserer Bruderkette.

Kopie aus Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz

0

Поделиться сообщением


Ссылка на сообщение
Поделиться на других сайтах

Создайте учётную запись или войдите для комментирования

Вы должны быть пользователем, чтобы оставить комментарий

Создать учётную запись

Зарегистрируйтесь для создания учётной записи. Это просто!


Зарегистрировать учётную запись

Войти

Уже зарегистрированы? Войдите здесь.


Войти сейчас